taberna kritika

Im Brunnen

(M56)

Das fließende Wasser zwischen den Büchern, dort in der Bibliothek beuge ich mich unter einen Wasserhahn, das ist der ganze Zauber, sage ich, Bücher und Wasser. Es ist wunderbar, daß in der Bibliothek jemand an Wasser gedacht hat, nämlich vielleicht der Architekt, Scharoun. Es sieht ja fast wie ein Versehen aus, eine falsch gelegte Leitung oder eine nicht geplante Nutzung des Raums. Ich ziehe diese Bibliothek allen übrigen vor wegen dieses Wasserhahns neben den Regalen. Sie ist auch sonst sehr freundlich, die verschiedenen Steine und die zum Himmel schrägen Fenster, der Zugang über die Brücke mit dem abgestuften Garten. Aber, das ist eben alles Scharoun, dieses Waschbecken und das Wasser sind einfach menschlich. Ich bin sehr dankbar für diese Kleinigkeit. (…) Die Unbekannten. ich habe es ja jedes Mal, wenn ich vom Brunnen, was für ein schönes Wort, wie schön wäre das gewesen, einen Brunnen in der Bibliothek zu haben oder eine Bibliothek im Brunnen, wieder neu gesehen dieses Bild und bedauere jetzt in meiner Ungeduld, daß ich nicht schon vorhergesehen habe, wie ich es bei der nächsten Wiederkehr, und Einkehr, DIE OFFENEN TÜREN, sehen werde.

Aus: Ariane Breidenstein, Und nichts an mir ist freundlich, S.109f., Frankfurt a.M., 2007

An dieser Stelle endet Benedikts Passagensammlung.

Zur Grablegung einer jungen Autorenhoffnung (Vordr., Gek. Fass., Entw.)

(B13 zu M13)

Liebe/r Xy,

es ist noch nicht lange her, da hast du uns überzeugt. Hast uns Dinge vorgetragen und zukommen lassen, die wir sehr schätzten und denen von uns und auch gleichermassen von dir grosse Bedeutung beigemessen wurde. Wir haben zusammen etwas wachsen gesehen. Es gedieh anfänglich prächtig und entwickelte sich weiter, sodass es auch in anderen Kreisen hochachtungsvoll wahrgenommen wurde.

Dass es nun nach kurzer Krankheit von uns gehen musste, ist nicht nur dein Verschulden. Es sind so viele Umstände und Verwinkelungen als Gründe zu nennen, die das, was einmal war, nicht weiter sein liess und aus einem Stadium des Werdens riss, wie man es oft beobachten kann und woraus nicht allzuviele neue Hoffnung schöpfen. Diese jetzt zu nennen, fehlt uns leider die Zeit. Doch es gibt Hoffnung.

Liebe/r Xy,

Es gibt so schöne Dinge im Leben, die nun wieder Platz haben werden und völlig unverstellt angenommen werden können. Eine Fahrradtour vielleicht, am frühen Sonntagmorgen. Ein längerer Urlaub mit Freunden oder Verwandten, oder nur schon eine durchgeschlafene Nacht, nicht zu vergessen die Lektüre eines Bucher oder einer Zeitschrift ohne Verwertungszwang.

Wir alle werden in nächster Zeit für dich da sein und helfen, wo es nur geht, wieder zurückzufinden in ein würdiges Leben. Vergiss bitte nicht: wir werden bei dir sein.

Usw.

Umkreisen

(M55)

Alle neunundneunzig Bücher des Erdenkreises habe ich gelesen und das neunundneunzigste, welches den Äquator in Alexandrinern bemisst, habe ich auswendig gelernt. Die rhythmischen Zyklen, die das Versmass durchläuft, imitieren die Sonnenläufe zwischen den Polen und formen so die Welt zu einer Kugel aus ungezählten Kreisen.

Die neunundneunzig Bücher der Bibliothek von Wergenstein enthielten die Welt in ihrer Gesamtheit. Umfassend war das Wissen, das sie dem Leser schenkten, und still das Vergnügen, das ihre Lektüre bereitete. Wer das kreisrunde Gestell umschritt, umkreiste die Dinge und umrundete die Welt. Als Antonia die Bibliothek von Wergenstein betrat, fragte sie: „Beschreiben diese Bücher auch den Raum, der von den Dingen ausgeht?“ Etwas ratlos erzählte ich ihr von den Totenköpfen in Madagaskar, von den Mangrovenwäldern im Amazonas und von den Hunden der Mongolei.

Markus A. Hediger, Die Bibliothek von Wergenstein, Skypaper Press, 2006, mehr …

Nullkommaneun %

(B12 zu M12)

Soll das die Seele sein? Im besten Sinne nur ein Stückchen nahrhafte Luft? Zu grössten Teilen: Stickstoff, Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid und etwas Argon, wie jeder weiss. Letztenfalls, ein beinahe verbindungsloses Elementchen. Ein bisschen wie sie: schweissend, löschend und isolierend. Und dabei nur ein Hundertstel dieses Gemischs – im Durchschnitt. Und so eben deckungsgleich mit ihr, was ihre Selbsteinschätzung – wie edel – und dem öffentlich kaum wahrgenommenen Gäschen angeht, misst sie ab, als sie sich oder dem, was sich davon übrig zu bleiben abzeichnet, hinterher zu schauen beginnt. Sie dreht sichs noch einmal zurecht: Ihr Argonseelenanteil müsste im Grunde um einiges höher, um nicht zu sagen: hochprozentig sein. Am liebsten möchte sie noch von sich behaupten: sie sei Argon pur, sei: eine Argonautin und jenseits aller Schnitte. Diese Rolle hätte ihr zugestanden. Doch da ist schon der Film zuende und das kleine Lüftchen strömt aus ihr heraus. Und der Blick teilt sich, brechenden Auges, schielt auf die nur noch offenen Höhlen und das leise Gebläse, das sich allmählich zu verflüchtigen beginnt. Dann ist alles wieder angenehm dunkel und das Schiff segelt weiter