taberna kritika

Draussen: Greyscale

(B05 zu M05)

Ein Text ist erst da, wenn er da ist. Vorher ist er ein Text, der nicht da ist. Denkt sie. Und über: Das Zuscherbenschreiben. Das gerade nicht. Am Freitag: die Wäsche. Zusatzwäsche. In den Kalender schreiben. Und anderswo: Bier und Wein für die Gäste. Und die Entwicklungszusammenhänge, denkt sie. Und: heute mach ich etwas ganz anderes, denkt sie. Und: Ach wär doch etwas mehr Wut in meinen Texten, und: ach wär ich doch wütender in meinen Texten, so wutmächtig, wie ich manchmal bin, ach, was sind das für Texte, die gar nicht wütend sind. Nicht einmal Scherben, denkt sie. Doch nicht meine Texte, denkt sie, und: Welche denn? Muss ich in meinen Schädel schaun und finde: tausend kleine Schädel. Und da ist nichts das zum aufstehn zwingt. Und nirgends auch nur ein vernünftiger Gedanke. Nur Gedanken über Gedanken. Nur solche die ordnen wollen. Nur kleine Schädelteilchen, denkt sie. Und all die schmutzigen Teller in der Küche. Und der Regen vor dem Fenster. Dauerregen. Regen. Regen. Am Fenster die Schädeltropfen. Nur Gedanken über Gedanken und kein einziger fliesst, nicht dem Glas zu Boden. Oder ist haltbar, seit er gegangen ist, denkt sie. Fast auf dem Weg zur Arbeit fällt der letzte Grund zu Boden. Regnet es. Sind nur tausend kleine Schädelstellen auf dem Balkon. In feuchten Kräutern die Gedanken um Gedanken. Bleibt nichts am Glas. Schaun sie zurück, denkt sie. Machen ganz etwas anderes, denkt sie: machen den Ofen an. Entzündet sich die Flamme nicht. Und nicht nur das, denkt sie, wenn ich nur wütend wäre, wie ich manchmal sein wollte, in meinen Texten. Wenn ichs nur ausdrücken könnte. All die kleinen Schädelchen. Wenn sie sich zeigten, denkt sie. Wenn er sie gesehen hätte, denkt sie, bevor er gegangen ist. Spülen die Teller kaum. Verklebt. Vertrocknet. Natron, muss da ran, denkt sie. Keine Flammen. Nur das kalte Glimmen kleiner Knochen. Werden ausgetrunken, heute noch, denkt sie. Und draussen alles Grau. Und draussen die Farben abgezogen, rechnerisch, denkt sie, mit einer kurzen Bewegung. Und draussen: Greyscale und auch die Plakatwerbung eine Fläche ohne Wut. Hat jemand die Wut abgezogen mit den Farben. Hat jemand die Farben rausgenommen, seit er gegangen ist, bleiben nicht einmal mehr Scherben. Bleiben Schwarz und Weiss und ein paar Töne dazwischen. Bleiben nur Gedanken über Gedanken anstelle der Gedanken. Ist da noch ein Fahrplan in der Ferne und beleuchtet und das Licht nur Grau. Und die Bahnen. Alle pünktlich.

Lesezeichen

(M41)

Ich saß in schmaler Reihe vor einer Glaswand, hinter der der aufsichtsführende Bibliothekar die Lesenden keine Sekunde aus den Augen ließ. Bei der geringsten Verfehlung kam er aus seinem Glashaus und wies den Benutzer mit Gesten zurecht. Man durfte das Buch beim Umblättern nicht zu sehr ans Lesepult pressen, man durfte es nicht aufgeschlagen zurücklassen, wenn man den Lesesaal verließ, und mußte ein schmales Kärtchen als Lesezeichen hineinstecken. Ließ jemand ein Buch eine Minute aufgeschlagen auf dem Lesepult, kam der Bibliothekar, steckte ein Kärtchen hinein und klappte es zu. Wortlos. Er sprach überhaupt nie. Weder Guten Tag noch Auf Wiedersehen. Hinter seiner Glaswand thronend, maß er die Lesenden mit strengen richterlichen Blicken. Einen englischen Kunsthistoriker, der mit Malerbuchkatalogen arbeitete, hat er stumm hinauskommandiert. Wahrscheinlich wurde er zum Direktor beordert. Was er falsch gemacht hat, weiß ich nicht.

Aus: Ute Treder, Die Alchemistin, 1993, S.11f.

Der Schweigen

Natascha schweigt mit Peter

Peter schweigt mit Sandra

Sandra schweigt mit Oliver

Oliver schweigt mit Beate

Beate schweigt mit Claudia

Claudia schweigt mit Matthias

Matthias schweigt mit Björn

Björn schweigt mit Dana

Dana schweigt mit Max

Max schweigt mit Natascha

Der gräßlichste Unflat

(M40)

Zwischen den Seiten der Bücher”, sagte er, “aber das können Sie sich nicht einmal vorstellen, weil Sie noch so ein windiger Neuling sind, liegt die gräßlichste Unflat jener schmutzigen und buckligen Wesen, die wir Leser nennen. Ein in seine Lektüre vertiefter Leser ist an sich schon ein lasterhaftes Wesen, übelriechend sein Atem und seine Hose, auf dem besten Weg zum Gehirnschwund mit allem, was sich daraus für die Transpiration und für die Gesundheit der Gliedmaßen im allgemeinen ergibt. In den Büchern findet man daher alles: Schuppen zum Beispiel! Sie wissen ja nicht, wie eklig das ist, eine Schuppendecke, als hätte es ins Buch geschneit, dazu die anderen Absonderungen der Kopfhaut; auch Haare! Sie wissen gar nicht, wie viele Haare, und erst die Körperbehaarung! Härchen aus Bärten, Schnurrbärten und Ohren landen in den Büchern; und bei jeder Lektüre kommen neue dazu, schichtweise, denn Lesen ist ein vandalischer Akt in jeder Hinsicht. Ich kann Ihnen die Seiten zeigen, die den Leuten gefallen und bei denen sie sich unbewußt länger aufhalten; es sind mit einer Fettschicht überzogene Seiten, Fleckchen überall und anderes Zeug, das uns ständig aus dem Gesicht fällt, ohne daß wir es wollen; Spucketröpfchen zerknittern das Papier oder werfen es auf, wenn es sich um Husten, Niesen, Auswurf oder Lachen handelt, vor allem wenn sie zwischen den Zähnen herausspritzen in Form jenes gewiß nicht hygienischen Sprühregens, der Ihnen bekannt ist. Und erst die Nase!

Aus: Ermanno Cavazioni, Mitternachtsabitur, 1991, S.61f.

Die Scherben

(E3)

Wir wissen nichts voneinander. Eigentlich: Fast nichts. Entfuhr es Röhrling an einer Stelle. Draussen begann es einzudunkeln und wieder fiel ein Lichtkegel auf die geöffnete Balkontüre, zwängte sich durch die Rahmen und fächerte das Rauchgitter an die Wand zu hellen, schlanken Schatten auf. Röhrling sag aus wie ein Toter. Wie sein eigener Tod. Diese Hose besitze ich nun schon seit beinahe dreissig Jahren, fuhr er fort. Die Cordstruktur hatte sich schon gänzlich aufgelöst in ein feines Netz aus Fäden, ein Geflecht aus weichen Fasern, das nur noch mit Mühe und Not decken, aber sicher nicht mehr wärmen konnte. Darum also die zweite Schicht, das Pyjamaunterteil, das sich auch farblich perfekt unterordnete, ihm Schutz bot und ihm die Scham nackter Haut ersparte, dachte Benedikt. Das Unpassende. Ungehörige, gegen ein anderes getauscht, das weniger schamlos schien, das sich ins eigene fügte.

Ich kann einfach nicht davon lassen. Sie war ein Geschenk. Ist immer noch etwas besonderes. Oder besser: wird immer besonders sein. Sagen wir, sie befindet sich in einem steten Prozess der Besonderung, erklärte Röhrling fast etwas entschuldigend. Ich trage sie noch an Jahrestagen, und heute ist so einer.

Benedikt wollte nun den Anlass dieses Gedenkens erfahren, da fiel sein Blick in Gegenrichtung des Lichts und blieb an der Strassenlaterne gegenüber hängen. Ein Betrunkener entleerte sich dort gerade, mit einer Schulter gegen sie gestützt. Röhrling griff hinter sich unter einen Teewagen aus Holzimitat, der ihm als Ablage für allerlei Zeitschriften diente, und zog eine Flasche Rotwein hervor, knipste eine kleine Tischlampe an und setzte sich seine Lesebrille zurecht. Ein … Er blinzelte mit den Augen, kniff sie streng zusammen, doch er konnte das Etikett nicht entziffern. Naja, lesen Sie selbst. Jedenfalls ein 1989er. Und öffnen Sie ihn. Dann gab er Benedikt die Flasche und darauf einen Schlüsselbund, der ihn bis dahin die Hose an der rechten Leistengegend ausgebeult hatte. Daran hing ein Taschenmesser mit Korkenzieher. Der Kork franste aus, als Benedikt ihn bearbeitete. Sie müssen das auch nicht wissen. Was denn? Benedikt blickte auf. Das mit der Hose. Ein anderes Mal vielleicht. Röhrling kippte etwas Wasser in beide Gläser, schwenkte sie hin und her und goss den Auswusch in eine verholzte Yuccapalme auf seinem Balkon. Dann rieb er sie mit einem Stück Stoffe aus, von dem Benedikt nicht wusste, woher es so schnell genommen wurde.

Während Benedikt die Gläser füllte, machte es sich Röhrling wieder gemütlich. Das ist nicht ungefällig, da haben Sie sicherlich recht. Erträglich. Pointiert, vielleicht. In Ordnung. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber was bezwecken Sie damit? Worauf wollen Sie hinaus? Wie gesagt: wir wissen wenig voneinander. Wir beide. Was das Private angeht. Aber auch Ihre kleinen Figuren und ich. Was haben wir miteinander zu tun? Sie haben mir hier jetzt ein paar „Fälle“ vorgelegt. Wie viele waren es gleich? Vier, gab Benedikt gedämpft zurück. Vier? Schön. Vier kleine Leben, die da mit wenigen Strichen skizziert werden. Mich interessiert: wie hängen diese zusammen? Überhaupt: was haben diese mit Ihrem Thema zu tun? Sie werden mir doch nicht ernsthaft erzählen wollen, dass es sich mit einer fortlaufenden Aneinanderreihung kleiner Formen getan hätte?

Man müsste Sie gleichzeitig lesen können, zumindest aber müsste die Reihenfolge beliebig sein, aber das sei eine andere Frage, sagte Benedikt. Es gibt da einen Plot, der dieses Gefüge binden soll. Eine Art Kitt, doch doch. Benedikt kam langsam in Fahrt. Da ist ein Leser, der viele Bücher nur anliest, passagenweisse liest, Romane, Sachbücher, Sekundärliteratur, und versucht diese allmählich zu einem Buch zusammenzuzüchten. So etwas Frankensteinsches. Aus vielen Versatzstücken etwas Lebendiges zu schaffen. Ein Lebewesen. Ein Mensch, vielleicht, der gleichzeitig die Summe der einzelnen Teile verkörpert. Aber nicht nur das. Ist Ihnen nicht vielleicht aufgefallen, dass Frankensteins Geschöpf immer nur in Stresssituationen oder doch zumindest in Ausnahmesituationen geschildert wurde. Als hätte es da nicht auch Stunden, Tage oder Wochen gegeben, an denen nichts Schilderungswürdiges passiert wäre. Sehen Sie, so geht es den meisten Protagonisten. Dieses Geschöpf sollte nicht nur funktionieren oder nicht, und das in solchen Situationen. Es sollte sich irgendwie auch: bewähren. Sollte, hm, auch eine gewisse Normalität leben können. Ich weiss, ich bin da noch nicht sehr weit. Das kommt Ihnen vielleicht zurecht noch etwas abstrakt vor.

Röhrling nippte zufrieden an seinem Glas. Machen Sie weiter. Ich habe heute nichts mehr vor.

Was fühlt so ein Buch? Was fühlt dieses Buch? Oder dieses Lebewesen. Oder dieser aus verschiedensten Zeichenketten gemachte Mensch? Was denkt er über seine Identität? Was ist das für eine Identität? Wenn es sich nicht so präsentiert, wie es sich präsentiert. Als Einheit. was für ein Leben herrscht da zwischen den Zeilen? An den Nahtstellen?

Das ist mir jetzt aber doch etwas zu unausgegoren, was Sie mir da erzählen, unterbrach ihn Röhrling. Haben Sie nicht vielleicht auch noch etwas Handfestes?

Was die kleinen Formen angeht, so habe ich mir dafür schon etwas zurechtgelegt, holte Benedikt erneut aus. In einer ersten Beschäftigung mit spekulativen Bibliotheken bin ich über eine Passage von Gottfried Wilhelm Leibniz gestossen. Alles nur Internetrecherche, im Moment, ich muss das noch nachschlagen und prüfen. Aber am Ende eines Textes zur kombinatorischen Bibliothek kommt es bei Leibniz zu einer überraschenden Wendung. Vielleicht kennen Sie den Text? Nur die Monadologie, gab Röhrling einsilbig zurück. Jedenfalls verschiebt sich dort Leibnizens Interesse weg von gedachten, wissenschaftlichen Universalbibliotheken, hin zur Idee einer spekulativen Privatbibliothek. Einer Bibliothek, die sich aus Privatereignissen von Privatleuten zusammensetzte, und diese einen weitaus grösseren Erkenntniswert besässe, als jede andere, wie auch immer ideal gedachte Bibliothek.

Ich verstehe langsam, worauf Sie hinauswollen. Röhrling gab nun wieder seine liegende Stellung auf, brachte etwas Spannung in seinen Körper und setzte sich aufrecht. Dann nahm er die Seiten, aus denen Benedikt gelesen hatte und überflog sie. Wo war die Stelle gleich mit den Scherben? Benedikt zeigte sie ihm und Röhrling begann sie laut zu rezitieren.

Es werden nur Scherben gefunden werden, denn es werden nur Scherben produziert. ich selbst produziere nur Scherben. Auch und vor allem indem ich in dem Haufen des Vergangenen stöbere. Ich setze Teile zusammen, die vielleicht einmal ein Ganzes waren. Nur diese Tätigkeit hält alle meine Teile zusammen. Hm. das erinnert mich etwas an all die antiken Vasen, die aus Bruchstücken rekonstruiert wurden. Die Wissenschaft war einigermassen erstaunt, wie viele Sujets sich doch mit den täglichen Leben der Leute beschäftigte. Dass diese als abbildungswürdig angesehen wurden.

Das ist ein sehr interessanter Vergleich, den Sie da machen. Benedikt fühlte sich plötzlich sehr erleichtert und machte sich eine Notiz.

Er war persönlich interessiert, wie sich Benedikts Projekt weiterentwickelte, hatte er versichert. Mehr konnte er in diesem Stadium noch nicht für ihn tun. Aber Benedikt durfte mit ihm jederzeit wieder Kontakt aufnehmen. Ja, er hatte „besuchen“ gesagt. Offensichtlich hatte der Tag dem Alten Spass gemacht.

Eine Turmuhr schlug gerade Neun, als er durchs Treppenhaus auf die Strasse stiess. Auf die nächste Strassenbahn musste er zehn Minuten warten.