taberna kritika

Fruchtbarkeitsgötter, Knabenliebe

(M39)

Das Buch war dick, schwarz und völlig verstaubt. Sein Einband war verbogen und knarrte; es hatte einiges durchgemacht. Der Buchrücken fehlte, das heißt, er ragte wie ein unförmiges Lesezeichen zwischen den Seiten hervor. Wie eine Mumie war das Buch um und um mit schmutzigen, einst weißem Band verschnürt, dessen Enden eine ordentliche Schleife bildeten. Der Bibliothekar händigte es Roland Mitchell aus, der im Lesesaal der London Library wartete. Es war aus dem Sperrfach Nr. 5 exhumiert worden, wo es ansonsten zwischen De priapo und Die griechische Knabenliebe stand. Es war zehn Uhr vormittags an einem Septembertag im Jahr 1986. Roland saß an seinem Lieblingsplatz, dem kleinen Tisch mit einem Stuhl hinter einem viereckigen Pfeiler, aber mit Sicht auf die Uhr über dem Kamin. Zu seiner Rechten fiel Sonnenlicht durch ein hohes Fenster, aus dem man die grünen Wipfel der Bäume am St. James Square sah.

Aus: Antonia Byatt, Besessen (1990, dt. 1993, übersetzt von Melanie Waltz), S.9

Frenzl

(B04 zu M04)

Frenzl macht ein Alltagsgeräusch und legt sich wieder hin. Windet sich. Dreht sich um die eigene Achse, bestarrt eine Kuckucksuhr und überlegt: es noch einmal zu tun. Unterlässt es aber aus theoretischen Überlegungen. Nachgerade aus denen des Glaubens. Ein Alltagsgeräusch, will es bewusst und mit festem Willen erzeugt werden, so gut, so intensiv und glaubwürdig verursacht werden, sodass es in so einer Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit stünde, die es unmöglich machte, es näher zu beschreiben, schliesst sich schon der Gedanke an seine theoretische Wiederholbarkeit von Vornherein aus. Die Überlegungskette bräche noch vor dem Entstehen zusammen. Und ein Gesetz kausaler Insuffizienz nichtrepetiver Handlungen. Oder muss es heissen: insuffizienter Kausalität?

So schnell erging sich die Rede über ihn, dass er nur die Hälfte mitbekommen hatte. Darauf ein Helles. Das Helle nach dem Mittagsschläfchen. Sein Mittagshelles. Und der Titel: weg. Wo könnte man es finden? Und Niemand. Und Nichts. Lag es an seinem Dialekt, dass ihn niemand verstand? Oder an seiner direkten Art, mit der er sich an den Sachen vorbeischob? Die ihn ausliess?

Frenzl wischt sich den Schaum von der Oberlippe, wirft einen weiteren Blick auf die Uhr an der Wand, die sich nun regen sollte und es nicht tat. Dreht sich darauf in die Gegenrichtung. Oben und Unten, notiert er sich: auch eine Frage des Handstands. Und er, fügt er hinzu: auch eine Frage des Handstands. Er: ein Handsteher vor dem Herrn. Der Herr: ein Namensschild mit Kaffeeflecken, wenn nicht Schlimmeren. Was hat er da gemacht? Würde er sich bitte umdrehen und mit ihm beschäftigen? I bins doch. Dr Frenzl. Sehens me net? Könnens me hörn? Hallo? Man wird einfach nicht verstanden, denkt sich Frenzl, und das macht die Dinge schwierig. Und er platziert noch einmal eine Frage, aber der sonderbare Herr schüttelt nur den Kopf und nuschelt etwas herüber. Woas homs gsogt?. Ebenso. Nicht. Und oben im ersten Stock: ebenso. Nicht. Dort nur schweigende Eintracht. Dort Gebärdenhölle. Dort oben, oben und unten: Lesende. Frenzl gibt auf. Die Stadt liegt im Durst, denkt er sich. Liegt ihm in den Armen. Am späten Morgen. Wissens. I versteh Sie heit net. I kumm wieder, wenn I Sie versteh. Dann geht er hinaus und macht sich auf die Suche nach einem Biergarten. Dann geht er in einen Supermarkt, weil er keinen Biergarten findet. Dann geht er nach hause. Beim Eintritt in seine Mansarde bleibt er kurz an einem Spiegel hängen. I bins doch. Dr Frenzl. Sehens me net?, sagt er da. Dann legt er sich erst einmal hin. Bis er wieder aufsteht.

Aufstellungen

(M38)

Auf die Frage an den Fachinspektor, einen glatzköpfigen, unruhigen Mann, wie man sich in diesem – um es mit Musil auszudrücken – „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinden könne, erhielt ich eine ausufernde Antwort, die in der Erklärung gipfelte: „Das Prinzip der Bücherauftsellung ist folgendermaßen: Rechts oben san immer A-Formate und links unten D-Formate…..ja?

Und nachdem a Christbaum unten auseinander geht, nennen mir das “Christbaumaufstellung”. So kriegen mir das in den Griff!

Wenn die Signatur auf dem Abgabezettel nicht stimmt, is des oft sehr sinnesverwirrt… dafür is dann wieder gut, wenn man Verfasser und Titel richtig dazuschreibt.

Aber heutzutage geht olles nach der “Numerus currens“-Aufstellung, des hot mit´n Inhalt überhaupt nix zu tun”.

Aus: Gerhard Roth, Die zweite Stadt, Hamburg, 1994

30. Schachtel (Seelen, Reste)

Wo anders als in den Ecken findet Ablagerung statt? Kommt es zur Gärung? Also zum Denken. Eine Kugel als eine Art Generatorsein, Poolsein dieser ganzen Vorstellung en gros ist für diese Tätigkeit eine wenig brauchbare Form. Wieder geistert eine Fliege umher, die sich im Innern des Runden auf einen endlosen Weg macht, ohne auch nur ungefährem Wissen über Start und Ziel ihres Bewusstseins. Eine stattliche Anzahl Blätter wird von einem Gummiband nicht mehr gehalten. Sucht sich einen anderen Ort.

ich verwalte sie. weise sie in eine ausgeschiedene verpackung. in eine ganz reele schachtel: einer alten zeitschriftenbox mit radierter, aber noch rekonstruierbarer signatur: jus zq 92. die jahrgänge 1997-2002. in einer datenbank kann ich ihren ehemaligen inhalt recherchieren. es handelte sich um eine schriftenreihe mit dem titel „die wirtschaftsprüfung“. sie gibt es hier nicht mehr. auf papier.

Beispiele

(M37)

Machen Sie einen Besuch in der Bibliothek; Bücher haben die unendliche Annehmlichkeit, daß man sie an beliebiger Stelle zuklappen kann, ohne daß man je eine Klage von ihnen hört. Nehmen sie sich ein Beispiel.

Aus: Ingomar von Kieseritzky, Obsession, Ein Liebesfall. Stuttgart, 1984. S.77