taberna kritika

Bibliotheken in der Werbung

(M19)

Die gezeigten Beispiele stammen allesamt aus den letzten zwei, drei Jahren. In den Spot für „Knoppers“ und „Pfanni“ („Freu Dich!“) geht es lediglich um das sekundenkurze Zitieren unproblematischer Berufe und um die Nachvollziehbarkeit der Freude, die auch bei angenehmen Arbeitsbedingungen in Pausen und nach Feierabend durch die „Belohnung“ mit kleinen Leckereien und schnelle Gerichte ausgelöst wird. Die jeweils gezeigten Bibliothekarinnen sind daher (gemessen an den gängigen Filmklischees), eher untypisch, jung und attraktiv. Wobei sie eben nicht bei der Arbeit, sondern bei deren Unterbrechung bzw. beim Beginn des Feierabends gezeigt werden. In der etwas längeren Werbung für „Oil of Olaz“ („Diese Frau hat ein Geheimnis“) – übrigens ein Plot von erlesener Blödheit – fungiert die gezeigte Uni-Bibliothek lediglich als Arbeits- und heterosexueller Begegnungsort für akademisches Jungvolk. (…)

aus: Manfred Nagl: Stille, Ordnung, Katastrophen. Bibliotheken im Film – Bibliotheken aus männlichem Blick? In: Bibliotheken in der literarischen Darstellung = Libraries in literature : [Referate des Seminars “Bibliotheken in der literarischen Darstellung / Libraries in literature”, das vom 10. bis 11. Oktober 1994 in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel stattgefunden hat] / hrsg. von Peter Vodosek … [et al.]. – Wiesbaden : Harrassowitz, 1999. S.117f.

Deckeln

Über das Deckeln der Schachteln wurde schon an verschiedenen Stellen kommentiert und gesprochen. Nachdem sich die Reihe langsam dem Ende zuneigt, konkretisieren sich einige Vorhaben. Der jeweilige Kommentarstrang, der einerseits meist für die Titelung zuständig war, wurde immer auch schon, zumindest materialmässig als dritter Teil einer jeweiligen Einheit betrachtet (s.u. #4). Allein mit der Form war ich nie so ganz zufrieden, und der gesamten Einheit täte es optisch denn auch gut, wenn die einzelnen Kommentartexte bearbeitet und in irgendeiner Form zusammengeschrieben stünden. Aus einem Strang der 25. Schachtel:

#4

es ist ungefähr und von der struktur her meistens so:

da ist an erster stelle ein ich, das eine assoziation zu einer groben form setzt. an zweiter stelle (das ist der kleinschrieb) findet meist ein abgleich (oder eine konkretion, wenn man auch will eine verinnerlichung) statt, der den ersten ansatz wieder aufnimmt. an dritter stelle stünde der kommentar(strang), der (die beiden ersten formen in synopse) wieder öffnet, vielleicht: auspackt. es wird so eine art sprachumzug simuliert. aufstellen – einpacken – auspacken. all die gesetzten kommentare oder dialoge zu 1 und 2 sind als material da sehr wertvoll, sollten aber noch eine bestimmte form erreichen, die sich über ein kollektives ich vielleicht bündeln liesse. (…)

#7

dann würde ich dir folgendes vorschlagen (um den kern solide zu machen, wie du sagst): verstehst du die kommentare als “auspacken”, dann würde ich eine verarbeitungsform für die kommentare wählen, die einem “in die welt bzw. in den raum zurückstellen” entspräche. das eingepackte also in einen breiteren kontext setzen und die (leere) schachtel zusammenfalten. wie könnte das formal aussehen / welche form wäre dafür zu wählen?: an erster stelle hast du die, wie du sagst, “grobe form”. an zweiter das dicht zusammengepackte. an dritter, müsste da konsequenterweise nicht das etwas weniger dichte, vielleicht sogar ein bisschen ungeordnete folgen? in form einer shortest story etwa? (darin hast du ja übung, wenn ich etwa an die träume meiner frau denke.)

mah am 16.05.07

#8

schöne idee. weiss allerdings noch nicht ob da stories rausspringen. dachte da eher auch an noch kürzere texte. auch: an eine art lyrischen schlagwortkatalog mit syntax. müsste man mal ausprobieren. ich werde da mal mit experimenten anfangen, wenn das ganze material (30+x) zusammen ist. die einzelnen texte, auch die kommentare sind da ja auch sehr unterschiedlich … (die form der dtmf ist bei mir zwar gut in übung, aber im moment auch ein bisschen ausgereizt …)

hab am 16.05.07

Zur Arbeit am Prototypen: Ob sich nun das dritte Ich als „Ich“ oder „man“ (s. o. #4) besser macht, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Und ob denn tatsächlich ein „lyrischer Schlagwortkatalog“ oder eine Art „lyrisches Indexat“ Sinn ergibt – ich bin noch am experimentieren. Zu vielfältig sind da die Möglichkeiten, um nur ein einfaches Beispiel zu zeigen:

Fest steht allerdings, dass ich die Kommentare zu einer Einheit bündeln und dem Flottierenden eine einfache Form geben möchte. Ich übe hier noch an relativ einfachen Beispielen, z.B. dem kurzen K.-Strang der 1. bzw. 2. Schachtel. Dort heisst es bei 1.:

#1

du füllst, so scheint’s, die büchse der pandora. 

mah am 18.09.06

#2

verflixt – verschachtelt

mar am 19.09.06

#3

ad mah // so schlimm wird es wohl nicht werden und eher über verpackungen gesprochen. ich glaube auch, das erschreckendste an der pandorabüchse war, dass man (neben der hoffnung) darin eine weitere büchse fand. ein detail, das beharrlich verschwiegen wird.

bei dieser gelegenheit melde ich titelschutz an für die büchse in der büchse der pandora.

hab am 19.09.06

und daraus wurde in einem ersten Wurf gemacht:

Ich fülle, scheints, die Büchse der Pandora; verflixe, verschachtele; weniger schlimm; die Verpackungssprachen; glaube den Pandorabüchsenschrecken; darin neben Hoffnung, weitere Details; beharrlich schweigend, beschweigend; zu schützen die Büchse in der Büchse der Pandora.

Oder als eine Variante nach den Kommentaren bei 2.:

#1

ich musste – bei deiner kleinschriftigen beschreibung des kartons – an ikea denken. da ist ja alles so verpackt, dass es sich wunderbar stapeln lässt, sehr praktisch. zuhause aber, wenn ausgepackt und zusammengebaut ist, steht man vor dem problem, unmengen an karton in abfallgerechte grössen zu reissen und zu schnüren, dann abfallmarken drauf (wie viele genau bleibt immer etwas unklar – man hofft) und vollbepackt damit hinunter zum anderen müll. ein krampf.

mah am 20.09.06

#2

ein typisches schweizer problem. als ich noch in köln gelebt habe, habe ich die schachteln nachts immer heimlich in einer unbeleuchteten ecke auf der neusser strasse abgestellt. am anderen morgen waren sie weg oder zerfetzt.

hab am 20.09.06

#3

unsere tochter verarbeitet diese dinger immer zu irgendwelchen objekten, oder sie wohnt in diesen kartons über längere zeit. durch die verarbeitung lösen die sich im laufe der zeit auf und entsorgen sich selbst.

mar am 20.09.06

#4

sie wohnt in diesen kartons über längere zeit. … sei greifen mir aus einer schachtel im zwanzigerbereich vor. auch irgendwie ein teil meiner kindheitserinnerung.

hab am 20.09.06

#5

das war nicht meine absicht… und ich will hier auch keine details verraten

mar am 20.09.06

#6

bitte auch nichts über meine jahre als tiger.

käme bei einer Bearbeitung vielleicht dieses heraus:

Bei Kleinschreibung an Ikea denken / Idealstapelpacken / wundern, praktisch aber / zuhause Entpackung zerbauen / usw.

Es wurden hier also Indexat-Anleihen eingebaut und der Text etwas rhythmisiert. Natürlich liesse es sich über die Zeichensetzung (Semikolon oder Schräg-, Binde- oder Gedankenstrich o.ä.), Grosskleinschreibung uvm. diskutieren. Natürlich auch, wie und wie stark der Ursprungstext verschnitten wird, welche Referenzen beibehalten werden, ob noch eine weitere Verknappung stattfinden muss. Das alles ist noch nicht ganz klar …

Bibliothek als Heimat

(M18)

Ja, das ist seine Heimat. Hier kann ihm nichts geschehen. Er lächelt bei der Vorstellung, daß ihm hier was geschehen könnte. Er vermeidet es, in die Richtung des Schlafdiwans zu sehen. Jeder Mensch braucht eine Heimat, nicht eine, wie primitive Faustpatrioten sie verstehen, auch keine Religion, matten Vorgeschmack einer Heimat im Jenseits, nein, eine Heimat, die Boden, Arbeit, Freunde, Erholung und geistigen Fassungsraum zu einem natürlichen, wohlgeordneten Ganzen, zu einem eigenen Kosmos zusammenschließt. Die beste Definition der Heimat ist Bibliothek. Frauen hält man am klügsten von seiner Heimat fern. Entschließt man sich doch, eine aufzunehmen, so trachte man, sie der Heimat erst völlig zu assimilieren, so wie er es getan hat. In acht langen, stillen, zähen Jahren haben die Bücher für ihn die Unterwerfung dieser Frau besorgt. Er persönlich hat keinen Finger dazu gerührt. Seine Freunde haben die Frau in seinem Namen erobert. Sicher läßt sich viel gegen die Frauen sagen, nur ein Narr heiratet ohne Probezeit. Er war so klug, bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr zu warten. Diese achtjährige Probezeit soll ihm ein anderer nachmachen. Was kommen mußte, ist allmählich herangereift. Herr seines Schicksals ist der Mensch allein. Wenn man es genau bedenkt, hat ihm nur noch eine Frau gefehlt. Er ist kein Lebemann – bei “Lebemann” sieht er seinen Bruder Georg, den Frauenarzt, vor sich – , er ist alles, nur kein Lebemann. Aber die schweren Träume der letzten Zeit dürften mit seinem übertrieben strengen Leben zusammenhängen. Das wird jetzt anders.

Aus: Elias Canetti, Die Blendung, mehr …

25. Schachtel (Ein merkwürdiger Ort)

Oder das Magazin: eine grosse, idealtypische Truhe mit feinzeiligem Innenleben. Im Innenleben: Der Magaziner als Truhenverwalter. Verweser. Verrücker und Schliesser. Ein Wünschelrutengänger im Aderwerk aus Papier und Metall. Ein Schlüsselfaktor. Ein Ordner der Ordner. Logistiker schlechthin, wenn er ein konventioneller ist.

oder sein gegenspieler? einen unkonventionellen habe ich einmal phantasiert, auch wenn er nicht so getitelt wurde. einen wahren archivpoeten. umschreiber. hineinschreiber ins fleisch der geschichte. hat er etwas falsch gemacht? nicht viel mehr, als diejenigen, die den dingen einen ort, die dem dokument eine signatur verpassten. freispruch für ihn, in meinen augen.

Spiegel der Welt II

(M17)

Es gibt gleichfalls – und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien die Heterotopien. Und ich glaube, daß es zwischen den Utopien und diesen anderen Plätzen, den Heterotopien, eine Art Misch- oder

Mittelerfahrung gibt: den Spiegel. Der Spiegel ist nämlich eine Utopie, sofern er ein Ort ohne Ort ist. Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin: in einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut; ich bin dort, wo ich nicht bin, eine Art Schatten, der mir meine eigene Sichtbarkeit gibt, der mich mich erblicken läßt, wo ich abwesend bin: Utopie des Spiegels. Aber der Spiegel ist auch eine Heterotopie, insofern er wirklich existiert und insofern er mich auf den Platz zurückschickt, den ich wirklich einnehme; vom Spiegel aus entdecke ich mich als abwesend auf dem Platz, wo ich bin, da ich mich dort sehe; von diesem Blick aus, der sich auf mich richtet, und aus der Tiefe dieses virtuellen Raumes hinter dem Glas kehre ich zu mir zurück und beginne meine Augen wieder auf mich zu richten und mich da wieder einzufinden, wo ich bin. Der Spiegel funktioniert als eine Heterotopie in dem Sinn, daß er den Platz, den ich einnehme, während ich mich im Glas erblicke, ganz wirklich macht und mit dem ganzen Umraum verbindet, und daß er ihn zugleich ganz unwirklich macht, da er nur über den virtuellen Punkt dort wahrzunehmen ist. (…)

In: Michel Foucault, Andere Räume, aus: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1991. mehr