taberna kritika

ohne Titel

das Wort entwölkt

verbraucht im Begriff

auslautend

(E. H. Bottenberg, Tal: Unschärferelationen, S.21, 2006)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

heut schreib ich ein gedicht

verwerf gedanken dem

alltag ins gesicht zu speien

erzähl zwei gültigen momenten den

morgen einer zuckerblume

frühling

auch mit partizip

im reinraum klasse 1

pflichtunversonnen

kalenderblätterreissen in

den schultern

nicht ertragen

der kalender wird verhängt

und träumend

boy meets girl

notieren

verlornen auges mir

ins abgeliebte angesicht

klavier dazu zu spielen in

kellerzimmern

waldschänken

ohne grundversorgung

an vergangenheit

aus geist und gleitzeit dies

gedicht zu schreiben

einzureichen

hoffen es wird

schneller noch als bald

zertifiziert

nach iso

menschen eine landschaft widmen

nach iso

tatsachenermangelung

nach iso

prolegomena im sand

im kasten meiner rede

anderntags

ich steige aus

aus dem dahergesagten

endbahnhof weltpostverein und

schweige bis zum nächsten frühling

ich hab mein internet verkauft

ich habe jetzt nicht nein gesagt

thomas blaser,

dem frühling & weltpostverein

The Crying of Lot 45

Bildquelle: Markus Hediger, Link: Lot 45

Eine kleine Anekdote bleibt noch zu erzählen. Erst am Samstag erfuhr ich von Rittiner & Gomez, dass das (damals leider schon verkaufte) Bildchen (s.o. Bild 45: untere Reihe, 4.v.r.), das auch als letztes Bildchen einer Serie in der aktuellen Spatiennummer (3) abgebildet wurde, nicht ein Bild, sondern fünf Bilder waren. Die Inselmaler hatten mit Bild 1 begonnen und dieses wieder und wieder und am Ende vier Mal übermalt und uns eine Serie von 5 Zuständen geschickt, die es damit aber nicht in jeweilig einfacher Ausgabe, sondern eben nur ein einziges Mal, aber übereinandergeschichtet gab.

Hätte ich doch vorher davon erfahren. Man hätte darüber tolle Dinge schreiben können. Zumal im Zusammenhang mit dem Heftthema „An den Tod“. Über das Leben als Übermalung. Den Tod als letzten Maler. Palimpseststrukturen. Diese Technik als allegorisches Verfahren. Seis drum. Hier ists nun erwähnt …

(Väterkisten. Reverse, ödipale.)

Die beiden Männer erfahren wenig über Inhalt der mehrfach mit Paketklebeband versiegelten Pappschachtel im Kofferraum des VW-Busses. Auf eine zaghafte Anfrage Angelos hin murmelt Liz, geheuchelt verschlafen, dass es sich um Sentimentalkram handele, den man unterwegs irgendwo loswerden wolle. Angelo bohrt nicht nach.

Sentimentalkram – das Wort nötigt ihm Respekt ab, Neid – dergleichen möchte er auch gern besitzen. Geschweige denn loswerden müssen. Und Jonas schweigt, konzentriert sich auf den Verkehr.

Aus: Helmut Krausser, Kartongeschichte, S. 90

hierzu

20. Schachtel (In Samt und Seide)

Körperkisten und Gedankensärge, gleichermassen. Wirksam, kommen zum Einsatz nur offensichtlich, nur oberhalb der Erde, Gefässe der Abschiednahme, gleichermassen.

Die Urnen dagegen: abstimmungshalber, und fürs Regal. Für den gedachten Wiedergebrauch. Für den Widerspruch.

noch jeden meiner familie habe ich zweimal unter die erde gebracht. noch jeden zweimal verabschiedet, in die kiste gegrüsst und den kopf gesenkt bei der einlotung des metallboliden in die erde. ein ritual, zwei rituale, die nie hinterfragt wurden – bei uns. ein gruss an den körper, einer an den inhalt, der allmählich entweicht.