taberna kritika

1

impfig

[adj.; das kind im künstlichen fieber: das kind ist impfig. das impfige kind“>

Dranmor X,1b

(Aus den Aufzeichnungen IV)

2006*

“Aber nicht nur Affen und Papageien brachte Dranmor aus Brasilien mit, auch eine innere Unruhe, die ihn nicht weniger als vier Mal die Wohnung wechseln lieβ, bis er, kaum zehn Monate nach seiner Ankunft, einem Herzschlag – gemunkelt wurde auch: einem Peitschenhieb seiner Frau – erlag. (…) Es war die Zeit, als die literarischen Revolutionäre der achtziger Jahre, die „Jüngstdeutschen“, den Kampf mit der Epigonendichtung aufgenommen hatten und dem Naturalismus den Weg bereiteten. Ihnen erschien Dranmor damals als „eine ernste, tiefe, gewaltige, vulkanische Dichternatur“, wie es Hermann Conradi in seiner Einführung „Unser Credo“ zum klassischen Werk Moderne Dichtercharaktere (1885) ausdrückte. (…) Schon damals äuβerte sich bei ihm eine sonderbare Mischung von Melancholie und Abenteuerdurst. Bereits mit 18 schrieb er das Gedicht „Ich möchte schlafen gehn“1, das an Melancholie in der Schweizer Literatur unübertroffen sein dürfte. (…) Diesmal blieb der erhoffte Erfolg jedoch aus, so dass der frühere Millionär in einem Brief eingestehen musste: „Ich bin achtundfünfzig Jahre alt, innerlich gänzlich gebrochen, materiell von Grund aus ruiniert“. (…) Auch Dranmor selber hat das Spiel mitgemacht, indem er das Ganze als eine Rückkehr aus dem Exil (!) dargestellt hat. Im Vorwort zu der vierten (und erstmals in der Schweiz gedruckten) Auflage seiner Gesammelten Dichtungen entschuldigte sich Dranmor sogar für seinen Kosmopolitismus. Allerdings tat er dies mit einem recht hermetischen Satz: „Schweizerischer Nationalität, aber germanischer Abstammung, bin ich in meiner ganzen Richtung vielleicht allzu sehr in dem Panzerhemde eines ‚Weltbürgers’ heimisch geworden.“ (…) Es wäre daher sicherlich falsch, Dranmor auf eine einzige, national oder kulturell begrenzte Heimat festlegen zu wollen. Bei der Geburt wurde er, so schrieb Dranmor einst über sich selbst, „hinausgeworfen in des Lebens Wirrwarr“, wobei man unweigerlich an Heideggers „Geworfenheit“ denkt. Deutlich wird auch, dass es ein fataler Fehler wäre, Dranmors Konzeption von Geburt nur mit der Stadt Bern und der Nation Schweiz in Verbindung zu setzen. Dranmor verknüpft die Geburt nicht mit einer bestimmten Stadt, Kultur oder Nation; er sieht sich von Geburt an als Weltbürger, als Kosmopolit. (…) Diese Kombination von Weltbürgertum und Fragment leuchtet durchaus ein; gerade indem sich der Dichter der ganzen Welt öffnet, ist er nicht mehr imstande, ein geschlossenes, kohärentes und harmonisches Weltbild zu vermitteln, sondern lediglich eine Zersplitterung von Ansätzen und Ideen. (…)”

Zitiert nach: Dewulf, Jeroen: Dranmor, der erste Kosmopolit der Schweizer Literatur. In: Orte. Schweizer Literaturzeitschrift. Nr.144/2006. S.53-57.

*Vgl. auch diese Korrespondenz und die Literaturliste. Meines Wissens ist dieser Text von Dewulf einer der ersten, der eine neuerliche Rezeption Dranmors überhaupt einleitet – nach einem fast dreissigjährigen Schweigen. Interessant ist hier vor allem die kritische Reflexion und Zwiespältigkeit des Heimatbegriffs bei Dranmor. Aber auch die Verbindung des Dranmorschen Schreibens mit der Form des Fragments. Die Zweifel an einem gewaltlosen Ableben werden hier übrigens weiter genährt.

1Ich möchte schlafen gehn / Dort auf den grünen Matten; / Dort, wo die Tannen stehn, / Möcht’ ich in ihrem Schatten, / Befreit von Herzensqual, / zum letztenmal / Die blauen Wolken sehn / Und ewig schlafen gehn. // O langersehnte Lust, / Die Menschen zu vergessen / Und diese heiβe Brust / In feuchten Tau zu pressen! / Kein Laut im weiten Raum – / Ein letzter Traum – / Und alles ist geschehn. // So möcht’ ich schlafen gehn. / Ich habe lang’ gewacht, / Von süβer Hoffnung trunken, / Nun ist in Todesnacht / Der Liebe Stern versunken. / Fahr’ wohl, o Himmelslicht! / Ich klage nicht – / Doch wo die Tannen stehn, / Da möcht’ ich schlafen gehn.

Ladungen II – hypnagoge Bilder, Übergänge

(Materialien zu DTmF, Signaturelement: Schlafphase)

Die Halbschlafbilder als Literatur – das ist das Thema dieses Buches. Die Verheissung, durch sie das Unerhörte sagen zu können, das sich sonst der Sprache entzieht, das Einleuchtende, weil rein bildlich vor dem inneren Auge stehend, ohne Bedeutungskonvention, unmittelbar, ohne Vermittlung. Von einem inneren Sehen ist da die Rede, das weder wacher Gedanke ist, noch Symbolsprache des Traumes. Ein Sehen, das in paradoxer Weise das Unfassliche Gestalt werden lässt. Ein Sehen des Nicht-Identischen, des sich Wandelnden, des Vielen auf einmal. Man hat das auch als die Wahrnehmung des Klaren im Verworrenen bezeichnet. (…) Im Zentrum steht dabei immer wieder die Desorientierung insbesondere beim Erwachen: Der Schlaf hat den Plan des Ortes, an dem man sich befindet, verwischt. Der halb noch Schlafende ist ohne Orientierung; um sein Leben einzuordnen, kommt es nun zu unwillkürlichen imaginativen Versuchen, dem Unbekannten, Unbestimmten, Verwirrenden Form zu geben.

In der Einleitung zu: Pfotenhauer, Helmut. – Nicht völlig Wachen und nicht ganz ein Traum. Die Halbschlafbilder in der Literatur. S.2f.. Würzburg, 2006

Darin v.a.:  Gesichte an den Rändern des Traumes: E.T.A. Hoffmanns Poetik der Halbschlafbilder. S.70ff.:

Nicht sowohl im Traume als im Zustande des Delirierens, der dem Einschlafen vorhergeht, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe, finde ich eine Übereinkunft der Farben, Töne und Düfte. Es kömmt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle Weise durch den Lichtstrahl erzeugt würden und dann sich zu einem wundervollen Konzerte vereinigen müssten.(In: E. T. A. Hoffmann, Kreisleriana I, 5. Höchst zerstreute Gedanken)

(…) Hoffmann (…) stellt diese in jener Zeit viel diskutierten Halbschlafbilder ins Zentrum seiner Poetik – einer Poetik des Visionären, des Schauens, das aber nicht bloss eingebildet, sondern auf eine eigentümliche Weise wirklich sein soll. Das „wirklich Schauen“ des späteren serapionischen Prinzips hat hier, was bisher nicht gesehen wurde, seinen Ursprung. (…)

Es handelt sich hier, in dem früheren Text, um ein Schauen, das das Zerfliessen und Zusammenfliessen, also das Entgegenständlichen (h.h., verlinkung: hab), mit höchster Evidenz paart. Es ereignet sich sozusagen im Vorhof des Traums, einem Zustand des Delirierens, in welchem das Bewusstsein noch nicht ganz ausgeschaltet ist, der also verspricht, gut durchdacht und beobachtet werden zu können. Ein Zustand aber, der im Gegensatz zum Traum wenig zu besagen scheint, der nichts repräsentiert, kein Vorgängiges, Äusseres, kein Künftiges, kein Übersinnliches, das insgeheim die Welt zusammenhält. (…)

siehe auch hier und hier

1.1

auf dem weg nach hause // sage ich / es war einmal war es / was zu folgender überlegung führte / was war / im angesicht einiger blätter an den schuhen / das blatthafte / beschriebene / die trockenen adern überbleibsel / röhren einer textur von nähr und botenstoffen / die vermuten liessen / da war einmal etwas / das sich mitzuteilen suchte und / ankam an den rändern und / wieder ausgeatmet wurde und / grünte und blühte und / wieder in sich zusammengesackt immer / noch an das schöne erinnerte die / endliche oberfläche die zum / leuchten gebrachte / das waren wörter / im anfang / die gelesen wurden und / hals und nase passierten / ins freie entlassen / spuren hinterliessen / in blättern als zellen und zeilen und / in körpern in teilen aus körpern etwas / wovon man sagte das / sei der bestand //