taberna kritika

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Dann ist da dieses kleine Aufsatzthema: Über die oft unterschätzte Notwendigkeit des kleinen Kissens. Man sucht Beispiele: Man reisst die Fensterläden auf, morgens in der Winterfrühe, und herein kommt nichts als blaue Dunkelheit. Ein Kissen für diesen Tag, denkt man, ein kleines nur. Eines, das man vor die Augen drücken kann; in dem sich Rotz, Tränen und die abgelegten Bilder der vergangenen Nacht geborgen fühlen. Aus besonders saugfähigem Stoff muss es gemacht sein. Und rund oder quadratisch. Am besten mit einer roten Giraffe darauf und die Ränder gehäkelt. Am besten, man setzt es in Anführungszeichen. Dann ertönt ein Gong. Eine mindere Terz. Dann gibt man ab.

Die Spange (M. Mettler)

Nicht genug anpreisen kann ich den jüngst erschienenen Roman von Michel Mettler Die Spange. Dort finden sich so krude und skurrile Passagen wie diese:

Genau genommen ist dieser “Zahnarztroman” eine geschickte Verquickung solch seltsamer Einfälle. (Oder aber auch recherchierter Fakten aus der Zahnmedizin, generell den Naturwissenschaften? Ich habe das nicht im einzelnen nachgeprüft. Es ist einerlei, weil schön. Überhaupt: ich glaube dem Roman jedes Wort). Noch genauer genommen ist die titelgebende Spange vielleicht als der narrative Stoff oder Kitt anzusehen, der die einzelnen seltsamen Elemente (oder auch: Zähne) zusammenhält. (Eine Spange, eben). Absolut empfehlenswert also und gar nicht relevant-realistisch. (Weiteres entnehmen Sie bitte den einschlägigen Rezensionen …).

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Dabei lese sie nur Anthologien. Die Texte von verschiedenen Autorinnen und Autoren und gerne zu einem Thema. Monothematische Sammlungen von Schriftstücken ihr völlig unbekannter Menschen. Natürlich lese sie diese im Schlaf, sonst fände sie ja keine Zeit dazu. Sie will ehrlich sein. Sie lese nicht die Texte der Autoren, sondern lediglich die biographischen Angaben. Und sie wisse auch, dass diese von Herausgebern behandelt, ja teilweise umgeschrieben und entsprechend angepasst wurden. Das störe sie überhaupt nicht.

Im Gegenteil: es seien ja auch nicht die Autorenbiographien, die interessierten, sondern das, was daraus gemacht wurde. Und ja, sie kenne die Herausgeber. Sie übernachte bei ihnen, bisweilen.

“Literarische Gattung Klappentext”

edit, 17.09.06: dieses projekt wird auf unbestimmte zeit zurückgestellt …

Wieder kurz zusammengezuckt bin ich, als ich diesen Titel im Bund las. War mir da jemand zuvorgekommen? Das ist natürlich gut möglich – ich habe noch nicht weitgehend recherchiert, ob es nicht solcherlei Klappentextprojektchen schon gab/gibt. Überhaupt ist auch noch nicht klar, wie sich die Schönen Häute en Detail entwickeln sollen. Es war aber eine Rezension des einmal erwähnten Calasso-Bändchens, das schon zuvor von diesem Vorhaben abgegrenzt wurde. Aus der Rezension: Schon in «Die Literatur und die Götter» hatte dieser buchstäblich von der Literatur begeisterte Autor seine Vision von der absoluten Literatur beschrieben. Hier finden wir sie wieder in den kunstvollen und profunden Kurztexten, die, über die Funktion der Präsentation und des Lobs hinaus, das betreffende Buch in den kultur- und ideengeschichtlichen Zusammenhang stellen in einer Sprache, die, ganz durchdrungen vom Geheimnis grosser Literatur, ihre Leser ins Abenteuer des vorgestellten Textes mitzureissen vermag. Ob Hesse, Nietzsche, Hofmannsthal, Joseph Roth, Simone Weil, Robert Walser oder Elias Canetti, ob Bruce Chatwin, Mario Praz, Leonardo Sciascia, Ernst Jünger, Jean Paul oder Heinrich Heine: Jedes Werk dieser Autoren entpuppt sich unter Calassos brillanter Feder als ein wichtiges und einmaliges Segment dieser unendlichen Buchschlange, als die der Autor die Literatur begreift und erlebt..

Um es noch einmal deutlich zu machen: Calassos Textproduktion ist also die Schaffung eines Allgemeinen, das sich aus einem Spezifischen organisiert. (). Dieses Allgemeine soll also gattungsstiftend wirken. Das Ziel der “Schönen Häute” dagegen ist die Herstellung eines Allgemeinen, das gleichzeitig das Spezifische ist. Also ein folienloser Text über etwas, das noch gar nicht existiert (das es vielleicht schon gab oder geben wird – aber darauf wird nicht referiert, bzw. die Referenz ist fiktiv). Es soll also eine Umkreisung eines leeren Zentrums werden, und die Kreisbewegung Zentrum der Serie …

3 Fragen an …

FRANZ DODEL

hab: Dein Neverending Haiku ist jüngst bei der 10000sten Zeile angekommen. Wie gehts weiter?

FD: Es geht. Es kann gut sein, dass sich die Form inzwischen meiner bemächtigt hat, dass ich von dieser (für mich Ideal-)Form gar nicht mehr loskomme. Formen können so vertraut werden, dass sie nicht nur ein Gefühl des zu Hause seins vermitteln, sondern auch etwas wie Lust.

Donald Evans hat während zwei Schüben zu je fünf Jahren nichts anderes gemacht als Länder erfunden und dazu tausende von Briefmarken aquarelliert (deren Perforierung er vorher mit dem Buchstaben O seiner alten Schreibmaschine vorgenommen hat). Eine schöne Arbeit, von den Institutionen der Briefbeförderung jedoch konsequent zurückgewiesen. Irgendwie so geht’s weiter.

hab: In deinem Weblog und auf deiner Homepage findet man nun daraus kleine Fragmente mit dem Titel “Das Stückwerk”. Was hat es damit auf sich?

FD: Das “Stückwerk” ist eine liebenswürdige Geste meinerseits an alle die Lesenden, die sich meinem Text mit guten Gründen verweigern und seine Zumutung zurückweisen: Im “Stückwerk” erscheinen Textfragmente, die zum Lesen maximal 5-20 Sekunden benötigen, eine Art Stossgebete im 5/7 Takt für Nomaden auf dem Arbeitsweg.

hab: Habe ich eine wichtige Frage vergessen?

FD: Die im Augenblick wichtige Frage lautet: Sind meine Hortensien in ihren Tontöpfen erfroren oder nicht? Mein Lamento wird weithin hörbar sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch.