taberna kritika

rilke heute

ich rilke, du nix! (kollegenkalauer, dann, etwas später:)

auch schön – der Titel des Aufsatzes Helmut Neundlingers von Beruf: rilke. Zustand: labil in: Ernst Jandl. Musik Rhythmus Radikale Dichtung

Fährte

Entsiegeltes Schweigen –

Aus knospender Leere

bricht ein Gesilbe hervor,

eine wetterleuchtende Ballung.

Du der Lebendigkeit

Erinnerungshelle

die sich zum Wort verwandeln will

im Tanz auf dem Abgrundseil.

Was sich hier hinübergewillt

ist eine entkörperte Geste,

einer Wirklichkeit

glühende Spur.

(Joseph Hahn, Die Doppelgebärde der Welt, S.33, 2004)

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Dranmor VI,1e

(Die Quellen)

An diesem Tag geht leichter Schnee in Regen über. Auch wird die Luft dichter, und in den unteren Räumen der Gebäude der Strasse, so schliesse ich aus dem Zustand des Kellers dieses Hauses, zieren Filme die Wand, die bei Lichteinfall zu spielen beginnen. Boden öffnet sich. Auch die wenig versiegelten Tritte des Gangs zu den Parzellen des Kellers, der offiziell Sous-Terrain genannt wird, der Klausen werden weich und Lehm vermischt sich beim Schlurfen mit kleinen Steinchen, bündelt sich zu Bällen, auch hier unter dem Tisch, an dem ich mit festen Schuhen scharre und zwei tiefe Furchen in den Untergrund ziehe.

Das Gitterfenster des Raums, die kleinen mit Wasser bespannten Löcher brechen salziges Licht. Licht, das durch den langsam schmelzenden Schneeberg vor dem Fenster muss, um sich irritiert im Raum zu verteilen. Das durch den Wetterwechsel und Resten von Kristallen, ihren Lösungen, seinen Weg an die Wand findet, die da lauert.

Hält das Lesen inne. Zu fern ist ein Kaiserreich und seine Symbole. Zu fremd die schwerfälligen Instrumente Krone, Zepter, Schleppe; Gegenstände, die diese Zeit in einen Film verwandeln. Einem Mantel- und Degenfilm mit nostalgischen Rufen nach einem Retter einer siechen Nation, in dem von Wahrheit, Freiheit, Ruhm und Glück gesprochen wird und ein Heldentod noch ein Tod und ein Zeichen bedeutete.

Das ist die Position des politischen Dranmor. Das ist, man möchte ihn nicht mehr als Dichter bezeichnen, man sucht seinen bürgerlichen Namen: Ferdinand Schmid. Oder Fernando, wie er im August 1867 in Rio de Janeiro vielleicht gezeichnet hatte. Schmids Kaiser Maximilian bezieht in seiner Trauer Position und diese muss gelesen werden, jenseits der Endreime. Als Gesellschaftselegie, als Requiem, kraftlos und peinlich in ihrer Form, schmalztriefend im Selbstmitleid. Die wächsernen Zeilen: Ich bin der letzte in der Dichter Reihen; / Mein schwaches Wort hat keinen Widerhall, – / Darf ich der Trauer, die sich überall / Zum Himmel wendet, meine Stimme leihen? /

Er verleiht. Aber nichts an Wissen über diese beweinte Zeit, weder Brasiliens, noch Österreichs, noch der Schweiz. Ein Trauerruf aus der Ferne stösst in ein politisches, vielleicht ein soziales Geflecht. Prallt aber an der Gegenwart ab. Was würde ein Historiker sagen? Ein Philologe schweigt und wendet sich ab.

Die Glühbirne pendelt leise in ihrem Zug und ergänzt, wo sie ergänzen kann, das fahle Licht, das kaum mehr Kraft besitzt, sich in den Raum zu zwängen. Holstein-Gottorf rollt sich ein. Senkt Kopf und Körper in den selbstgeworfenen Schatten, ist pikiert, verletzt, dass er den Schwamm verdecken soll. Und neigt sich vielleicht auch im Respekt vor dem toten Staatsmann, von dem er eben zum ersten Mal gehört hatte. Die Stecknadeln können ihn nicht weiter halten und er schlägt mit seiner Stirn, sich zu Füssen an die bröckelnde Wand.

Sein Rücken, der Rücken der ihn tragenden Leinwand ist pechschwarz. Ein paar helle Krusten, Linien, heben sich von ihr ab. Kurz der Gedanke, ob Holstein-Gottorf nicht vollends umgedreht werden müsste: Er müsste sein eigenes Leid nicht mehr sehen, meines nicht und das der Wände, und: die Rückseite seiner Fürstlichkeit gäbe ein interessanteres Bild. Ein modernes, ein abstraktes, ein Pollocksches Gesprengsel.

Der Angriff ist nicht mehr zu unterschätzen. Des Pilz breitet sich nun wirklich aus und kennt keine Schonung. Fast täglich ist ein bedeutender Raumgewinn zu verzeichnen. Der Pilz ist dieser böse, dunkle, atmende Schwamm, der allem Leben die Luft nimmt: und damit auch die Möglichkeit Kaiser Maximilian zu verstehen, wie die Trauer, die sein Tod erzeugt.

Die Schmidsche Trauer ist nicht mehr verstehbar, kaum mehr lesbar, denn aus ihren Quellen. Ich habe mir die Luftzufuhr abgeschnitten. Roman hatte recht. Es ist nun nicht mehr möglich mich mit Material aus der Bibliothek zu versorgen. Der noch nicht gelieferte Aufsatz, der sich mit Schmids Verhältnissen zum Kaiserreich beschäftigte, beispielsweise. Überhaupt scheint der politische Dranmor versperrt. Die Kolonialberichte, sein Engagement für die Neusiedler und Einheimischen … Das Gefundene sind Präsenzexemplare, Rara in den idealklimatisierten Untergeschossen des Hauses. Eine Einsicht wohl kaum mehr möglich.

Es wird ein grosses Problem geben, diese zu beschaffen. Ob sich jemand vorschieben liesse? Roman hatte recht, als er sagte, man solle sich solange nicht von einer Quelle entfernen, bis eine andere in Sicht sei.

Holstein-Gottorf fällt mit einem leisen Krachen zu Boden. Das volle Ausmass der Wucherungen der Fläche, die von ihm verdeckt wurde, wird sichtbar. Schlimm. Der Stein: schwarz, porös und löchrig. An einer Stelle vollständig durchschimmelt, man kann durch ein kleines Loch, schliesst man ein Auge, in die Nachbarparzelle sehen. Kein guter Ort. Er sollte evakuiert werden. Auch Holstein-Gottorfs angegriffener Rücken spricht für die Feindlichkeit des halbfluiden Gewebes. Alles muss wieder hinauf in die Wohnung, es wird zu gefährlich hier. Ich nehme den Fürsten und den Stuhl beim ersten, den Tisch und einen Koffer beim zweiten, drei kleine Stapel Schriften beim dritten Gang, bin dann schwer erschöpft, atme flach und schliesse den Kellerraum sorgsam ab. Die noch darin befindlichen Dinge müssen auch bald abgeholt werden.

Dranmor VI,1d

(Kein Kampf)

Die Schwierigkeit die Türe zu öffnen. Mit nicht einmal einer freien Hand, mit dem Unterarm, dem Ellenbogen dann, der mit Mühe und Not sich in die Ecke und ihrer kleinen Klinke vortastet, diese erwischt und mit sanftem Druck bewegt.

Die Türe springt knarrend auf. Eingangsglocken läuten: Der dunkle Vorraum ist ein anderer. Will Rückraum sein. Stauraum, Lager, Batterie? Kartons versperren den Weg ins Innere, werden leicht verschoben, dahinter eine in Plastik eingeschweisste Palette, noch einmal gegurtet und verzurrt mit Bändern. Sie wird umgangen. An den Konsolen der Wand entlang. Dort die Computer noch im Tiefschlaf; die Theke – kein geselliger Ort, kein Ort, keine Dienstleistung da, kein Licht, kein Mucks in dieser Welt.

Es ist ja noch sehr früh und ich fühle mich als Eindringling, als unerwarteter Besucher, beschliesse wieder zu gehen, drehe mich nicht um, schlage mich rückwärts durch das Dickicht am Rand des genommenen Pfades, will die ins Schloss gefallene Türe wieder öffnen. Ja, hallo? und Wir öffnen erst am Mittag. Dann: Ach du bist es. und Was machst du denn hier? und Hatten wir nicht gesagt, dass und es sei der reine Zufall, dass man ihn hier anträfe, er würde ja sonst erst mittags da sein, aber es gab eine Warenlieferung schon früh heute morgen, er habe nur wenig Zeit. Ob ich denn nicht arbeitete? Aber, da ich denn nun einmal da sei, er mache uns Kaffee. Die Heizung habe Schwierigkeiten beim Anlaufen, ein Monteur käme heute auch noch, man müsse so lange mit dieser elektrischen vorlieb nehmen, es würde etwas dauern bis sich Wärme entfaltete.

Was ich denn da habe, in dieser Rolle? Ein Bild? Er habe noch nie von Holstein-Gottorf gehört, er könne die Bedeutung von Holstein-Gottorf gar nicht einschätzen. Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn die Geschichte von Holstein-Gottorf interessieren. Von ihm und mir, uns beiden, und dass ich ihn vor Verbrennung oder Zerstückelung, Verrottung oder langsamer Verdauung gerettet hätte. Viel mehr, warum ich denn um diese Zeit durch die ergrauten Sandsteingassen der Unterstadt zöge.

Ich reiche ihm den Brief und er runzelt die Stirn, liest ihn langsam; Zeile für Zeile pendelt der Blick zwischen den Begrenzungen des Blatts. An manchen Stellen bewegt er dazu die Lippen. An Stellen, die er wohl für besonders gelungen oder wichtig hält, macht er ein Hmm. Einmal, glaube ich, unterdrückt er ein Lachen. Wiederholt er am Ende die vorletzte Zeile Mit freundlichen Grüssen.

Das sei mit Abstand das Lächerlichste, was er je gelesen habe. Eine Unverfrorenheit sei das, eine, nein, ihm fehlen die Worte, nein, so etwas habe er noch nie gelesen. Das sei doch anfechtbar. Und überhaupt nicht ernst zu nehmen. Jeder erstsemestrige Jurastudent würde einen astreinen Widerspruch dagegen zaubern können. Ich müsse schnell handeln, am besten sofort. Alles würde sicher mit Beschämen zurückgezogen werden.

Und die Anschuldigungen: die seien doch bestimmt frei erfunden. Er glaube nun wirklich nicht, dass ich solche Dinge gemacht habe. Oder auch nicht gemacht habe. Das entspräche ja gar nicht meiner Persönlichkeit. Auf solche Ideen käme doch niemand. Oder doch?

Ich winde mich um das Thema. Es habe mir dort schon lange nicht mehr gefallen. Auch die Leute da. Auch die Arbeit, die aber zugegebenermassen ein paar positive Nebenaspekte hatte. Und: dass sie mir meine Pflanze umgebracht hätten. Unterlassene Hilfeleistung nenne ich das. Und: mir den einzigen Vertrauten entrahmt, ihn ausgesondert, wie sie sagten. Roman lacht ein unechtes Lachen, will mich unterbrechen, kann sich aber nicht gegen die Kraft meines Wortschwalls durchsetzen.

Ich habe noch Ersparnisse, meine ich, und: Ich habe gespart. Und: dass ich wenig Geld ausgegeben hätte, in letzter Zeit – fast nichts, ich könne problemlos ein ganzes Jahr vor mich hinleben ohne nur einen Finger zu rühren, und das habe ich schon länger vor.

Roman entgegnet, ich würde den Anschluss verpassen, so etwas könne man doch nicht auf sich sitzen lassen. Man müsse doch auch mal Zähne zeigen. Ich, wenn ich denn noch in den Spiegel schaue, wolle mich doch wohl auch noch sehen können. Nein, ich müsse schon etwas kämpfen und – wie er es sähe – ständen meine Chancen gut, sehr gut sogar.

Er könne sich ja vorstellen, dass ich nicht mehr arbeiten wolle, dass ich dort nicht mehr sein wolle und offensichtlich wollten sie mich dort auch nicht mehr. Aber dann solle ich doch wenigstens versuchen, eine angemessene Abfindung zu erstreiten. Ich könne ja dann vielleicht zwei Jahre nichts tun, oder was auch immer ich dann täte.

Das sei vielleicht gar keine schlechte Idee, ich würde mir das überlegen. Ob er mir denn vielleicht dabei helfen könne, ich habe ja keine grossen Erfahrungen mit dieser Art Korrespondenz. Überhaupt: mit der Formulierung solcher Forderungen.

Das sei aber ganz schlecht jetzt. Ich sähe ja, er habe zu tun und müsse bis Mittag den Raum freigeschaufelt haben. Er müsse auch sofort damit anfangen. Ein andermal gerne. Vielleicht bald. Wir würden uns anrufen und darüber sprechen. Er werde sich das noch einmal überlegen.

Beim Hinausgehen. Ich müsse mir aber darüber im klaren sein, oder ob ich mir denn Gedanken darüber gemacht hätte: Wie ich denn nun an die Quellen käme, wenn mich Dranmor denn überhaupt noch interessierte, wenn ich noch das zu tun gedenke, was ich vorhatte.