taberna kritika

bemerkungen (IV) zu “die stadt – kein zyklus”


bild: francisco de goya, saturn verschlingt seine kinder (1821- 1823)

(…)

und es gibt einige, die behaupten, die stadt sei ein zoo und dieser habe keine grenzen. aber alles, was sich bewegte – tiere der stadt. manche gleich, manche gleicher.

(…)

der rauch in der stadt: atem der gestalten. verbrauchte luft der dinge. manchmal, in den frühen Mittagsstunden, ist die hand vor den eigenen augen nur qualm. und die vermutung, sie wäre da, nur ein dringlicher glaube.

(…)

die vollständige thesenschrift zur serie jetzt im -bereich (miszellen)

Dranmor VI,1b

(Sabia)

Das müsse ich unbedingt ändern. Er verstehe ja, dass es unter dem Dach im Moment nicht auszuhalten sei. Ob ich ihn denn nicht in die Wohnung bitten möchte, er möchte mir etwas zeigen. Und im Keller sei es doch, er sagt: eher beängstigend. Nicht so beängstigend wie unter dem Dach, natürlich. Ja, der Holzboden dort, die Wände seien, nein, so etwas habe er noch nicht gesehen. Aber hier unten sei es einfach zu kalt. Kein Wunder, müsse ich die ganze Zeit husten und mir laufe die Nase.

Und der kleine Heizstrahler würde gar nichts bringen, würde nur Strom fressen. Würde nur nehmen und nicht geben: in der Wohnung sei er bestimmt besser aufgehoben. Und hier unten: das sei doch kein Zustand. Wer mich denn auf diese Idee gebracht habe? Überhaupt: ich könne doch noch nicht arbeiten, nicht in diesem Zustand. Weder hier noch dort. Ich gehöre eigentlich ins Bett.

Das könne er doch gar nicht beurteilen. Und vorbeischauen hätte er auch nicht müssen. Die Wohnung sei nun einmal, ich nenne sie so: unbetretbar. Wenn er schon unangemeldet vorbeikomme, müsse er, jetzt zumindest, mit dem Keller vorlieb nehmen. Ich schenke ihm ein Glas ein und er lehnt ab. Es sei noch nicht einmal fünf.

Er habe mir den ganzen Band vorbei gebracht. Er brauche ihn nun nicht mehr. Darin sei auch das Lied aus der Verbannung zu finden. Ich könne ihn gerne behalten. Er könne damit nichts mehr anfangen. Darin auf den Seiten 173 und 174 das von mir gesuchte. Das seien wohl die Seiten, die in meiner Ausgabe fehlten. Er glaube aber nun nicht, dass es sich dabei um eine Verschwörung handelte. Ein Bindefehler im Jahre 1900. Man habe da bestimmt nicht an mich gedacht, oder wollte irgendjemanden verwirren. Es sei bestimmt keine Verschwörung im Gange und ich hätte ruhig zur Arbeit gehen können, er hätte ihn mir auch dort zukommen lassen können.

Es täte ihm nun auch wirklich leid, dass er das so aufgebauscht habe. So wichtig sei das Lied aus der Verbannung auch bestimmt nicht – er habe wohl etwas übertrieben, als er sagte, hierin läge der Kern einer Dranmorschen Poetologie. Im Übrigen zweifle er mittlerweile daran, dass es überhaupt so etwas gäbe. Bei ihm. Aber, ich hätte ja noch drei Wochen bis zum Einsendeschluss, vielleicht sei da noch etwas zu machen. Er sage ich, weil er sich wahrscheinlich aus diesem Projekt zurückziehe. Er glaube nicht, dass sich in diese Richtung noch irgendetwas entwickle. Nicht bei ihm, er sei nun an einer anderen Sache dran. Wie es denn mit mir stehe?

Roman lacht, als ich ihm sage, dass ich auch unter anderem deswegen in den Keller umgezogen bin – nein, nicht gezogen, schliesslich schlafe ich ja noch in der Wohnung, die aber, wie gesagt nicht mehr betretbar, nur noch beschlafbar sei. Er schüttelt den Kopf, soviel ist aus dem Augenwinkel erkennbar, während ich die Zeilen überfliege: Die Palmen und die Heimat und die Blätterkronen. Und Uns begrüsst der Sabia. Wer ist dieser Sabia? Ich muss das recherchieren. Der Waldesschatten und der Liebe Zauberreich, die trüben Winternächte und wieder der Sänger Sabia. Sehnsüchte, Palmen flüstern und ein Gruss von Sabia?

Es sei kalt, und wenn ich ihn nicht in die Wohnung bitte … Nun, er müsse ja auch noch etwas erledigen. Er werde jetzt gehen. Ich könne mich ja wieder bei ihm melden, wenn ich etwas bräuchte. Zur Eingangstüre finde er selber, ich müsse mir keine Umstände machen. Aber da, hinter diesem Müllberg, das schaue ja gar nicht gut aus. Ich müsse das unbedingt beobachten. Das sei zwar noch gefroren, aber was, wenn es auftaue? Ob denn der Keller überhaupt dicht sei?

Und er helfe mir auch gerne, wenn es gar nicht mehr anders gehe, wenn ich mich entschliessen könne, die Wohnung aufzuräumen oder betretbar zu machen oder überhaupt zu betreten, sonst ändere sich nichts. Ich müsse wohl etwas pragmatischer werden, und geht.

Ich murmele etwas, während ich winke. Habe ich abgewunken? Nein, es steckt tatsächlich nicht viel für mich Neues dahinter. Die bekannte Idealisierung einer fiktiven Heimat im Reich einer tatsächlichen Idylle. Lass, o Gott, erst dann mich sterben, / Wann mein Land ich wiedersah, / Und die Heimat mich beglückte, / Wie es hier noch nie geschah; / Wie die Palmen es verkünden / Und der Ruf des Sabia //.

Im Brockhaus ist kein Eintrag zu Sabia zu finden. Erst im Internet finde ich einige Treffer. In einem medizinische Online-Lexikon finde ich einen Hinweis. Sabia: Brasilianisches hämorrhagisches Fieber, zugehörig zu der Familie der Arenaviridae.

Ein Porträt Schellings

Die Locken fallen auf: treiben

wie Wellen ein Spiel;

auch die Nase:

gut geschwungen, hat Appeal.

Ein völlig losgelöster,

ewig suchend, alles

fliehend, dabei

sämtliche Register ziehend.

(Dirk von Petersdorff, Die Teufel in Arezzo, S.41, 2004)

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Dranmor VI,1a

(Der Keller, das Dach, die Räume dazwischen)

Ob es denn wieder gehe, wird leise gefragt. Was es denn gewesen wäre. Nichts Schlimmes, hoffentlich. Jaja. Neinnein. Nichts besonderes. Naja. Ich solle erst einmal ankommen. Der Kollege sei ja im Urlaub. Das ganze Büro gehöre also mir alleine. Praktisch, nicht? Ganz langsam also. Hören Sie? Und: Nun, es sei ja ein bisschen viel geworden. Es sei etwas zusammen gekommen. Da habe sich etwas angehäuft. Und leider habe niemand aushelfen, einspringen, anpacken können, so der direkte Vorgesetzte. Ob denn niemand Maria gegossen habe? Sie sähe etwas mitgenommen aus. Um genau zu sein: tot.

Oh. Die habe man ja völlig vergessen; niemand habe daran gedacht, und der Büronachbar sei ja auch schon drei Wochen im Urlaub. Und: man glaube, niemand sei in der Zeit im Raum gewesen. Aber wo denn das Bild sei? Welches Bild denn? Na, Holstein-Gottorf, der gute Geist des Zimmers. Ach ja, den hätte man entfernen müssen. Der sei jetzt irgendwo. Wie ich sähe: die Holztäfelung an der Wand musste etwas erneuert werden. Ob ich mich darüber freute.

Ich freue mich nicht über diese Veränderung. Nicht jetzt und nicht die folgenden Stunden. So sehr, dass ich im Alleinsein das Dasein vergesse. Es wird ein kurzer erster Arbeitstag. Die Mails, die beantwortet werden, indem sie gelöscht werden. Die meisten. Ein paar sind nach der Triage übriggeblieben. Ihre Zeit wird noch kommen. Eine längere Nachricht von Roman. Ich überfliege sie, atme durch, leite sie an meine Privatadresse weiter.

Die Buchberge sind in eine erstaunliche Höhe gewachsen. Ich schichte sie um, ordne sie nach Belieben – ist die Menge nur gross genug, sind plötzlich alle Ordnungen möglich. Die Ordnung des Tages, nun: das Lustprinzip, wie man mir riet. Nach dieser Arbeit die baldige Erschöpfung. Sicher! Ich könne schon gehen. Nur nichts überstürzen, morgen sei auch noch ein Tag.

Schneematsch auf den Strasse und ihren Rändern. Feuchte Klumpen. Das Schmatzen der Schuhsohlen nach ihrem Abheben. Bündigkeit zwischen grauem Strassenbelag und den Schienen. Um aus der Strassenbahn auszusteigen, um das Trottoir zu erreichen, genügt ein kleinerer Sprung. Der Weg vor der Wohnungstüre wurde vor kurzem gestreut. Umsonst. Von wem?

Ich lebe nicht in einer Leere. Die Situation unter dem Dach ist nicht nachträglich mit bunter Farbe zu schminken. Die Dinge klingen hier einfach nicht mehr. Laut gelesene Wörter passen nicht mehr aneinander, ineinander. Das Echo fehlt, der Rückruf – jene Interferenz, die entsteht, wenn ich den Satz an die Wand, also gegen die Dachschräge schreie und nichts kommt zurück und nichts bricht sich in sich selbst und verzerrt das Gesprochene. Und macht es vermeintlich verständlich.

Die leise bewucherten Wände des Dachstuhls mit diesem Schwamm, die neue Verständlichkeit, zerstört diesen Ort, diesen Kopf des Hauses, das, nicht wie ich hoffte, aus Wörtern war, sondern aus Holz, das zu erodieren beginnt, an manchen Stellen feucht an anderen zerbrechlich, entflammbar oder möglicher Wirt eines Ekels. Hier entsteht, ich muss es realistisch sehen, kein Gedanke mehr, mit dem Blick auf den Daumen, da das Buch, die leeren Blätter und den kleinen Tisch mit den Kaffeerändern und verstreuter Asche darauf.

Der Tisch muss zuerst hinunter. Ist dort noch Platz? Ganz hinten vielleicht. Es muss erst noch untersucht werden, ob ich dort mit den Dingen hineinpasse. Es muss wahrscheinlich aufgeräumt werden im Keller. Der März ist feuchter als die anderen Monate. Es ist mit quietschendem Kies zu rechnen. Und mit verstaubtem Schotter zwischen Kisten und Kartons und ihrem Ausgeräumten, Zerwühlten, Zerstreuten. Und ob das Licht noch geht? Die kleine Glühbirne mit ihrem Webenvorhang und der brüchigen Kordel.

Der Abstieg ist unbeschwerlich. Die zweiundfünfzig Stufen: nur noch jede Zweite weiss ein Lied, einen Teil davon, singt und summt: ich war im Wald und ich eine Pflanzung. Die dunklen Stellen: glleichmässig dunkel. Dunkler als zuvor, aber nicht unangenehm dunkel. Anthrazit.

Der Schalter in einer zersprungenen Porzellanfassung. Fühlbar isoliert. Der Gang zum kleinen Kellerraum an den Drahteseln vorbei. Wem gehören sie? Es gibt wohl keine Besitzer mehr. Nur noch unsichtbare Eigentümer, die nichts mehr begreifen.

Der Raum am Ende des Ganges ist offen. Ich habe beim letzten Mal – wann war letztes Mal? – vergessen zu schliessen. Eine Holztüre aus verstrebten Latten. Sind die Dinge dadurch entkommen? Die Kisten und Kartons unberührbarer Erinnerung. Die flüchtigen Geständnisse, übrig geblieben, die letzten Jahre untrennbar mit ihren Verpackungen und diese mit ihnen verbunden. Zu Schotter geworden: Bücher, Schriften, Altkleider.

Wie vermutet hat sich eine eigene Ordnung eingestellt. Die Ordnung der Zeit, die alle Dinge an die Ränder drängt; und von dort wieder in die Mitte. Der Berg Allerlei und seine Schluchten und Falten, seine Hügel und Landschaften. Warum nicht unter dem Dach bleiben? – es würde vielleicht langsam angenehmer werden. Der Frühling unter dem Dach wäre sicher nicht zu verachten. Aber: die Lektüre stagniert, das Schreiben versandet, die Bilder: Schotterbildung.

Nein, hier ist der richtige Ort. Und hier ist auch ein Stuhl. Ich stelle ihn in die Mitte des Raums, nachdem der Allerleiberg seine Ecke bekam. Und vor diesen Stuhl passt der kleine Tisch und darüber baumelt die Lampe. Die Kordel gibt es auch noch. Sie zeigt einem Luftzug den Weg.

Ich setze mich. Es ist nicht die Erschöpfung, heute, es ist das Gegenteil, das Heim- und Ankommen, die Bahnfahrt, der Schneematsch und das Schmelzen der Dinge. Das Dachzimmer, in dem ich es mir eingerichtet hatte, es würde wärmer werden: und das sich nun anders belegte und indem nichts passieren würde. Der Tisch muss in den Keller. Das Buch und ein paar Seiten. Die Stifte.

Der kleine Umzug ist die Aus- und Einwanderung. Binnenexilierung. Sind sie neu hier? Ja, ich komme von oben und freiwillig. Nicht ganz freiwillig. Immer auf der Suche nach, aha, productiven und productionsfähigen Gegenden. Und: Eigenthümlichkeiten. Sie: Sklave einer Halluzination. Denken Sie wirklich, hier gehe es besser? Wie manche Existenz ist nach solchen Träumen im Elend untergegangen. Jaja, der saure Beigeschmack des Exils, ich warne Sie. Es ist wirklich nicht schön hier. Kein sternenklares Diadem. Kein Brasilien auf den ersten Blick. Lustlos platziere ich den Tisch vor dem Stuhl.