taberna kritika

2. Schachtel (ad Abfall)

Eine richtige (eine ernsthafte, abgrundtiefe, steinharte, undurchdringbare, massive, geltungssüchtige) Poetik, eine Schrift über das Schreiben (das Warum und Worüber), mit System und Wahrheitsanspruch (das Wie, mit Letztbegründungsanspruch etwa, mit Dach, weiter: eine Poetologie), nein, das kann und will es nicht werden. (In einem Artikel über Bazon Brock hat man Hersteller des Letzteren einmal als Igel bezeichnet, des Ersteren als Füchse). Weder Füchsisches noch anderes, also, denn eine Abgeschlossenheit (eine Abgeschiedenheit und Verschlossenheit) verdient dieses Thema nicht. Es wird vielleicht eher ein Text aus lauter Nebenbemerkungen. (Warum hier viele Klammern stehen, wird auch noch besprochen werden, auch: die Anführungszeichen; die ganze Palette der Satzzeichen).

liebe freundinnen und freunde des würfels: ich muss sie enttäuschen. er wird als spezialform gewürdigt werden. erwähnt, aber nicht gefeiert. ein würfel ist in seiner form schwer zu begreifen. in ganz wörtlichem sinne. schlecht anzupacken und zu stapeln. es ist auch eine frage der balance. und es wird um das stapeln gehen. und um verschiedene materialien. karton, beispielsweise, das gut beschriftbare. das zerreiss- und knickbare. das brennbare. auch um das lagern und nummerieren. und das auspacken, auch häuten genannt …

Ergriffensein

Schritt um Schritt verweht

wie das Klopfen des Herzens

wie das Siegel zerspringt

und die kleine Flamme

groß wird, erwachsen

um zu tilgen, was bleibt.

Es bleibt.

(Elisabeth Borchers, Zeit. Zeit, S.21, 2006)

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1. Schachtel (Pandora)

Kleine Poetik der Schachtel oder Das Denken in acht Ecken steht auf dem ersten Zettel, der schon lange nicht mehr alleine liegt. Ob der so gross angelegte Titel hält, was er ankündigt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Aber dreissig Blätter (Tendenz steigend) werden jetzt schon von einem porösen Gummiband zusammengehalten, gewellt und durchgedrückt. (Auf deren Rückseite jeweils alte Manuskriptstadien der Träume meiner Frau u.a., so geht das). Höchste Zeit also, sie hier langsam einzufügen und abzulegen – in dieser Abteilung oder auch Schachtel, wenn man so will.

“sie schreiben wohl gerne über truhen, kartons, schachteln und andere gefässe der aufbewahrung“, fragte man mich neulich. das ist richtig, habe ich geantwortet. umso folgerichtiger und notwendiger ist mir gerade das nachdenken und schreiben über das schreiben über schachteln … so bezeichne ich also auch die kommenden einheiten und nummeriere sie, bitte daraus aber noch keine ordnung abzuleiten. es sind zunächst einmal lose notizen, die in einem eigentlich viel zu grossen raum herumgeschleudert werden.

6.1

am postschalter // ist es ein helles erwarten den blick / stur auf anzeigentafeln geheftet die / nummer nimmt zu und der abstand zur eigenen ab nur / noch fünf vier drei zwei / kunden vor mir mit denselben / winkeln am hals und sehr eifrigen / augen solls schnell oder langsam / gehn fragt man mich und ob / ich auch noch adressen auf diese / zwei umschläge schreibe man / wüsste doch gerne wohin / jetzt erst merke ich / dieses versehen beschrifte den einen / an sie und den anderen der ihm sehr ähnlich / ist mit der adresse der zeitschrift darin / eine kostprobe dessen was übrig / blieb von unsrer arbeit ich / hoffe doch diese befindet sich darin / im anderen jenes was an sie zurück / gehen soll was / an rotem sich niederschlug ist / auch in jener verpackung die / schlange im rücken rumort und / ich eile ja setze noch name und absender an / ihre ränder bezahle und wünsche noch / einen recht freundlichen tag //